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Wolde, Sonntag Abend den 6. Sept 1870


Ihr Lieben in Reval!
Wenige Tage sind es her, seit wir uns noch gesehen u. bereits liegen weite Strecken von Land u. Meer zwischen uns - die Reise ist glücklich überstanden u. ich sitze wieder in meinem einsam stilen Daheim. dir, liebe Auguste, sage ich nun vor allen dingen gar herzlichen Dank für alles Liebe u. Gute, das Du meinen Kindern u. mir während unseres Aufenthalts in Deinem Haus erwiesen hast, gott vergelte es Dir.

Das alte Reval ist mir wieder recht lieb geworden und ein wehmüthiges Gefühl beschlich mich, als ich vom Meere aus seine Mauern und Wälle u. die himmelanstoßenden Thürme immer mehr u. mehr den Augen entschwinden sah. Das Wetter war schön u. still. Später gegen Mittag bekamen wir einige Regenschauer, gegen Abend wurde es wieder heiter u. freundlich. Die Fahrt ging ohne Aufenthalt rasch vonstatten. Um 3 Uhr waren wir bei Odensholm (Osmussaar, auf halbem Wege von Reval nach Ösel, d. Hrg.), wo Mittag gespeist wurde u. zwar in der ersten Kajüte, da die zweite voll Waren gepackt war. Nur 12 Personen befanden sich am Tische. Um 5 Uhr befanden wir uns bei Worms (Vormsi, d. Hrg.). Hassel wurde nicht berührt u. schon um 8 Uhr Abends warfen wir vor Kuiwats Anker, was der Kapitän selbst nicht gehofft hatte. Alles ging glatt von statten und bei der Abfahrt vom Schiffe gab es in der Dunkelheit einen entsetzlichen Wirrwarr und Gedränge. Da es ganz finster war, konnte man das Gepäck nicht unterscheiden u. ein Stück nach dem anderen wurde ins Boot geschafft. Ich rannte hin u. her, um meine Siebensachen beisammen zu raffen. Es hieß, alle Sachen seien im Boote, ich traute dem dinge aber nicht u. ließ eine Laterne herunterbringen, da fand es sich, daß mein Tschemodem(?) fehlte! Nach langem Suchen auf dem Schiff war der Steuermann so freundlich, mir denselben herabzubringen. Ebenso hieß es, die Körbe seien da, ich hatte sie nicht gesehen, da eine ungeheure Menge von Lederballen mein Gepäck verdeckten u. richtig der Korb mit den Killoströmlingen u. den Bierkrucken ist nach Riga gegangen. Ob ich ihn wiederbekommen werde? Die Clares fand ich nicht auf dem Schiff, sie reisten erst gestern ab u. ich hatte vorgestern das Vergnügen, sie in Cölln zu sehen u. ihnen von Dir, liebe Adele u. Christel, Grüße zu bringen. sie ließen euch gar herzlich grüßen. Wie sie gestern bei dem Sturm über den kleinen Sund gekommen sind u. ob das Schiff heute früh angekommen ist, weiß ich nicht, bezweifele es aber, denn vier Tage stürmt es schon unausgesetzt. Ich hatte es mit meiner Reise glücklich getroffen, vorher Sturm u. nachher wieder u. während meiner Reise stillles Wetter.

Statt der Clares kam aber Jacob Steinmann aufs Schiff, um nach Riga zu fahren u. seine Schwester dort abzuholen. Steinmann der Ältere wird gestern eine schwere Reise gehabt haben, wenn das Schiff überhaupt gekommen ist. Noch ist weder seine noch die Cöllnsche Equipage hier vorbei gefahren. Um halb 10 Uhr Abends fuhren Gahlebaeck u. ich im Steinmannschen Planwagen noch zur Nacht nach Mohu Pastorat, wo wir noch 1/2 11 Uhr ankamen u. das ganze Haus im Schlafe fanden. Jedoch weckten wir eine Magd u. fanden ein warmes weiches Bett. Am anderen Morgen beim Kaffee erschien Pastor Törne aus Pernau, der mit seiner Familie jetzt nach Arensburg zog. Wir fuhren alle gemeinschaftlich in einem kl. Boot über den kl. Sund und trennten uns in Orrifaer (Orrisaare? d. Hrg.), wo ich meine Pferde vorfand. Um halb 4 Uhr Donnerstag Nachmittag war ich zu Hause u. wurde von Hohn begrüßt. Heute wollte ich zur Stadt am Nachmittage fahren, um Törne zu seinem heutigen Introductionstage zu gratulieren, das Wetter war aber zu windig u. ich habe einen gehörigen Katarrh und Schnupfen, verschiebe also die Fahrt auf Morgen.

Wie mag nur unser liebes Christelchen die Reise nach Pernau bei diesen Stürmen zurückgelegt haben. Gott wolle sie beschützen. Bald wirst auch du, mein liebes Delchen die Seereise nach Petersburg antreten, der Herr schütze Euch u. gebe Euch stilles Wetter. Vielleicht schreibt ihr mir noch vor eurer Abreise ein paar zeilen. Alles ist hier nach dem Alten, nur das Roggenfeld macht dem Herzen keine Freude. Der Wurm hat dort geschadet, am meisten auf den Jewe Pow, das ganz schwarz ist. Aber fast überall, wo man hinsieht, sieht man verwüstete Felder, bei den Bauern sehen sie etwas besser aus. Von Onispor aus hatte man nur diesen betrübenden Anblick. In Altbuch, Tekkoe, Pohilt, Saudal soll alles aufgefressen sein. Bei uns und in Cöln geht es noch passabel. Da gilt es nur sich beugen unter die Ruthe des Herrn. Wenn Du, liebe Adele, reist, so verpacke dich gehörig; es ist recht kalt auf der See. Mit der morgenden Post schicke ich meine wollene Jacke zur Reise. In Cölln sangen wir Freitag die unleserlich und Clares Freund liest "Die Wacht am Rhein" vor, ein begeisterndes, herrliches Lied. Die Melodie ist unbeschreiblich schön. Ich werde, liebe elwine, wenn du es wünschst, dir die Noten abschreiben lassen u. sie Dir schicken. Nun, ihr Herzenskinder u. Ihr Lieben alle, seid der threuen Obhut unseresHeilands befohlen u. ans Herz gelegt.
Es küßt u. herzt Euch alleim Geiste
Euer Vater u. Schwager u. Onkel Fk.

John läßt herzlich grüßen, Anfang Oktober will er nach Reval kommen, um dich, liebe Adele, abzuholen wenn Du nicht früher zurückkehrst. Aber es wird keine leichte Reise sein.

In der letzten Nacht hat es zum ersten Mal gefroren, das Kartoffelkraut ist schwarz geworden.

Grüße, liebe Elwine, die alte Generalin u. Reinfelds freundlichst von mir, und ich schreibe sobald Adele abgereist ist. Möchte sie doch nächste Woche mit dem "Constantin" aufbrechen. die schlechte Jahreszeit rückt heran.






Arensburg, d. 7. Sept. 5 U. Ab.

Etwas habe ich Euch noch mitzutheilen, das ich lieber verschweige, aber ich darf es euch nicht vorenthalten, opbgleich ich wei?, daß es euch betrüben wird. die Wangenheim ist am 22. August aus dem Auslande zurückgekehrt, aber allein, Jeanette hat sie krank in Berlin zurücklassen müssen. Eben komme ich von der Wangenheim, die ich besuchte, um aus ihrem Munde zu erfahren, was ich gleich bei meiner ankunft zu Hause erfuhr.

Bald nach ihrer Ankunft in Berlin, ungefähr vor drei Wochen, ist Jeanette an einem Erklältungsfieber erkrankt, sie hat gleich von ihrem Tode gesprochen, aber bald traten Zeichen des Irrsinns ein und vollständige Geisteskrankheit hat sich ausgebildet, so daß sie niemanden erkannt hat. Den letzten Nachrichten nach, die heutigen vom vorigen Mittwoch, melden, daß sie wieder klare Augenblicke gehabt, aber die Krankheit als Typhno ausgebildet habe. Die W. hat I. in eine gute Heilanstalt (Mai hon de haute) abgegeben, wo sie aufs Beste verpflegt wird. Die Ärzte erklären, daß sie vor 7-8 Monaten nicht hergestellt werden könne. Der Wangenheim Verwandte, Bornemans, besuchen sie zweimal wöchentlich, mehr wird nicht gestattet. Ist es nicht ein Jammer um das liebe Mädchen? Gott der Herr erbarme sich doch u. schenke ihrem Geiste wieder Licht. Dieses unglückliche Familienleiden. Laßt uns täglich für sie beten, weiter können wir nichts thun. Gottes wunderbare Fügung ist zu preisen, daß er sie nicht unterwegs, sondern in Berlin, wo sie so vortreffliche ärztliche u. Pflege von den Verwandten hat, hat krank werden lassen. Schreibt Christel nichts darüber, ich habe es heute auch nicht gethanu. werde nächstens Wilhelm darüber Mittheilung machen, damit er es ihr vorsichtig beibringe.

Gottes Gnade u. Obhut seid alle befohlen. Die Gahlebaecks, Hunnius, Lydic u. Ella, sowie Kellert lassen Euch grüßen.

Zum Lebewohl noch einen Kuß von Eurem alten Vater
B.F.

Von Christel habe ich heute einen Brief erhalten.

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