Nach langem "Hangen und Bangen"
wurde meine Hoffnung auf einen Brief endlich gestern erfüllt. Aber was hat
er wieder für eine Tour gemacht, ehe er hier einlief. Am 14. Jan. hattest
Du ihn geschrieben, das Revalsche Poststempelzeichen zeigte den 15. u. 16. als
Abgangstag an, von Reval ist er nach Fellein gegangen, dort am 18. eingetroffen,
von dort am 20. wieder abgegangen, in Arensburg am 2. eingetroffen u. hat dort
ganze 6 Tage gelegen ehe ich ihn in Händen hatte. Wie ein böses Verhängnis
schwebt es über unserer Correspondenz. Ein Brief von Reval, der sonst höchstens
5 Tage braucht, hat wieder 12 Tage unterwegs zugebracht.Das muß doch eine
grenzenlose Liederlichkeit auf der Post sein. Wirst Du Dich nicht gelegentlich
auf der Post erkundigen, wie das möglich ist. Es kann sein, daß die
Leute dort nicht wissen, wo Oesel liegt. Daher rate ich Dir, auf der Adresse statt
"Oesel", per Arensburg, meinetwegen auch noch "auf Oesel"
zu schreiben. Tante Augustens Brief, der auch gestern ankam u. zugleich abgegangen
war, hat dieselbe Tour gemacht.- Nun, Gott sei Lob u. Dank, daß Du glücklich
in Reval angelangt bist. Du hast aber so ungenau geschrieben, daß ich nicht
einmal den Tag Deiner Ankunft wußte, wenn Tante ihn mir nicht genannt hätte.
Ebenso wenig berichtest Du, wann Du Camby verlassen u. wie lange Du Dich in Dorpat
aufgehalten hast. Du mußtest also wieder auf Rädern karren, jetzt habeen
wir schöne Schlittenbahn, aber auch bitteren Frost, heute morgen 20 Grad.
Da war es also doch besser, daß Du Dich bei gelinder Witterung rädern
ließest. Möchtest Du Dich nur nicht auf der Reise erkältet haben.
Gott segne nun Deinen Einzug in Reval u. lasse das Haus, in dem Du ein Daheim
gefunden, Dir einstens Friedensstätte werden. Er schenke Dir aber auch Gnade
u. Kraft, vor seinem Angesichte zu wandeln u. Ihm zu dienen als seine treue Magd
in willigem Gehorsam u. Dich unter sein Joch zu beugen. Mir bangt nur, daß
Du in Reval Dich am Ende von dem Treiben der Welt gefangen nehmen läßt
und des Herrn deines Gottes vergißt. Er mache seine selige Gnadenverkündigung
Joh. 49,15.16. auch an Dir wahr. Daß Du fürs Erste nicht in die weite
Welt ziehst, ist uns lieb, wir haben Dich ja jetzt näher als in Camby. Vielleicht
sehen wir uns im Sommer hier wieder. Meinen letzten Brief vom 15.ds. Monats wirst
Du hoffentlich in Reval bald nach Abgang Deines Briefes erhalten haben, ob aber
meinen vorletzten, vom 31.Dez. nach Camby adressierten, fragt sich. H`s werden
nicht einmal gewußt haben, wohin sie ihn weiter adressieren sollten. (H.=
Hasselblatt, Besitzer des Gutes Camby, d. Hrg.) Bei uns ist es im neuen Jahre wie bisher
still hergegangen. Christels Befinden ist, Gottlob, zufriedenstellend, aber an
einer vollständigen Genesung ist vor diesem Sommer kaum zu denken. Rheumatische
Schmerzen im Kreuz u. sonst hier u. da in den Gliedern stellen sich noch immer
von Zeit zu Zeit ein. Das Gehör ist wieder fast so gut wie früher, die
Augen sind in dieser Krankheitszeit vollständig gesund geworden, aber die
Körperkräfte sind noch schwach u. der Schlaf ist ab und an nicht wie
man ihn bei einer Reconvalescentin wünschte. Bei diese anhaltend strengen
Kälte haben wir es auch recht kühl in den Zimmern u. doch muß
Christel zweimal wöchentlich Salzbäder nehmen. Sie nimmt sie in dem
kleinen Zimmer neben dem Speisezimmer.- Die Cöllnschen haben uns schon 2-3
Mal in diesem Jahre besucht, waren auch vorgestern hier zum Thee u. laden uns
heute zu sich zum Mittag ein, woraus aber bei dieser Kälte nichts geworden
ist. Sie sind sehr freundlich gegen Christel, schickten sogar heute ihren Pelz
für sie her für den Fall, daß wir kämen. Außer ihnen
haben uns Steinmann`s (Diakon der konkurrierenden Brüdergemeinde, der in
der Nähe des Gutes Jöör wohnt, d. Hrg.) u. Winkler (Pastor in Karris,
d. Hrg.) mit seiner Schwester (Pastorin Marie Hörschelmann geb. Winkler,
d. Hrg.) in der vorigen Woche besucht. Ersterer bekam neulich eine Aufforderung
nach Kreuz in Ehstland einer neufundierten Pfarre zu kommen, hat es aber abgelehnt,
die Arensburger bekommen Niemanden für ihr Diakonat. Wer soll diese Stunden
übernehmen, die damit verbunden? Girgensohn (Diakon in Arensburg 1853-1870,
Quelle: Martin Koerber, Oesel einst und jetzt, Bd. 1, S. 117, d. Hrg.) wird Ende
dieser Woche hier erwartet, vielleicht bringt er mir einen Brief von dir mit.
Der alte Heise hat jetzt die ganze Amts- und Arbeitslast allein zu tragen, was
seine müden Schultern wohl kaum lange aushalten können. In der Töchterschule
gibt er nun Religionsstunden, im Gymnasium der Lehrer Gramberg, ein früherer
Pastor im Oldenburgischen. Wir deutschen Amtsbrüder haben versprochen, für
Heise alle 14 Tage den ehstnischen Gottesdienst zu übernehmen. Am nächsten
Sonntag soll ich zum Bibelfest nach Carmel, um dort zu predigen. Am Abend will
ich, falls Reinh. Girgensohn angekommen, nach Arensburg zu seinem Geburtstag fahren,
der am 2. Februar ist. Von Hansi erhielt ich vor kurzem wieder
einen Brief!! Es geht ihm gut, die Feiertage hat er in Kaisma verbracht u. sehr
angenehm. Der alte Höppner ist sehr liebenswürdig gegen ihn gewesenu.
hat ihn mit feinem Tuch zu Beinkleidern u. einer Weste am Weihnachtsabend beschenkt.
Er hofft, daß wir in diesem Winter nach Pernau kommen, was ich sehr stark
bezweifele u. will dann auch hinkommen, weil er doch nach Wolde schwerlich mehr
kommen wird, vielmehr so bald sich eine Aussicht findet, nach Russland zu reisen
gedenkt. Nun, mein liebes Kind, behüte Dich
u. weise Dir den rechten Weg Dein treuer Gott u. Heiland.
Herzliche Grüße von den Geschwistern, auch bitte ich die Generalin
und Deine Freundin Louise, sowie Tante Auguste zu grüßen, da ich heute
nicht mehr antworten kann. Lies ihr daher diesen Brief vor.
In Liebe
Dein treuer Vater F.
Ist es Dir irgendmöglich, so schicke mit fahrenden Kaufleuten das gefärbte
Garn her. In dieser Woche waren die Leute wieder hier fragen.
Ich schicke Dir das Couvert Deines Briefes zu, damit Du siehst, welche Wege er
gemacht.